AnnenMayKantereit: Barfuß am Klavier

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AnnenMayKantereit: Alles nix konkretes
AnnenMayKantereit: Alles nix konkretes

Henning May singt in diesem Song mit seiner markanten, tiefen, rauen Stimme von einer, von seiner ‚Droge‘ und Sehnsucht zugleich: von seiner Freundin. Dabei singt er das Lied, sich selbst am Klavier begleitend, nur leicht bekleidet und mit nackten Füßen am Pedal des Instruments. Droge und Sehnsucht deshalb, weil ihn dieses Jammen am Klavier zum Erinnern bringt, zum Erinnern an gemeinsame, gewesene Zeiten mit seiner Ex-Freundin. Doch von Ex ist zunächst noch gar nicht die Rede.

So beschreibt Henning in der ersten Strophe die blühenden und immer wiederkehrenden Momente ihres Zusammenseins, die die Beziehung zugleich ausmachte: Und zwar das gemeinsame ‚Alleinsein‘, das Zusammen-Zeit-Verbringen (auch ohne etwas oder gar viel zu sagen), das Zwischenmenschliche in Sachen Liebe und Sex. Und dann, als zuletzt angeführte Situation innerhalb der ersten Strophe: die Erinnerung an „jeden Morgen danach bei dir, du nackt im Bett und ich barfuß am Klavier“. Dies alles sind die puren Kraftgeber einer jeglichen Beziehung zwischen Mann und Frau, unsäglich viele kleine Momente, die in und für sich aber wieder so stark sind, dass sie insgesamt gesehen wie ein Akku-Ladegerät für die Seele zu verstehen sind. Ein Ladegerät für eine traurige, lieblose Seele – die Henning ab der zweiten Strophe zu beschreiben anfängt. Denn hier ist nun die Rede von der GEWESENENEN Beziehung, vom Hergang des Auseinanderlebens und –gehens der beiden, vom Abdriften in unterschiedliche, voneinander entfernte Richtungen, von ihrer beider Trennung.

Er schreibt in seinem Songtext: „wir waren mal wir“ – eine Einheit, etwas, das unbedingt zusammengehört, etwas Ganzes, die gemeinsame Beziehung als ein Eines. Wie verschmolzen mit dem anderen. Inwieweit dies sogar wortwörtlich zutrifft, sei jedem selbst überlassen. Wobei die Anspielungen dafür in den vorherigen Versen durchaus anklingen. Doch sicher ist: das war eine Beziehung von bedingungslosem Vertrauen, von tiefer Hingabe für das Gegenüber, einer Beziehung, an der beide am und durch den anderen wachsen.

Wie erwähnt, kam es zu einem Auseinandergehen der beiden, und Henning textet dies als etwas unklaren Weg, der dazu führte. Dass es eigentlich er war, schreibt er zuerst, der durch ihre nicht zu stillende Wissbegier und Neugierde „vertrieben“ wurde; und dann sind da aber direkt im Anschluss die Worte, die klar und deutlich zu verstehen geben, dass nicht er, nein, dass sie es war, die ihn verlassen hat, die diesen Schritt weg als erstes gegangen ist. Nicht behaftet allerdings mit irgendwelchen Kommentaren dazu, ob es denn wirklich so war, ob er es für sich nur so denkt, ob er es vielleicht nur so darstellt oder wie auch immer seine Sichtweise der Dinge ist. Nein, all dies überlässt Henning der Phantasie des Hörers – was zum Träumen und Kreativwerden antreibt. Denn er ist ein sparsamer, jedoch in seiner Brisanz umso wirksamerer Texter.

Und a apropos träumen: darin steckt die Sehnsucht, die das ganze Lied ausschüttet und auf die Hörer gleich über-schüttet, überträgt: das träumende Element ist das der Sehnsucht, das der schönen Erinnerung. Was immer dann hochkommt, wenn er barfuß am Klavier sitzt. Und sich so an all das schöne Gewesene zu erinnern vermag.

Die zu Beginn angeführte zweite Funktion, die dieses Klavierspielen, alleine und barfuß, diese Situation an sich innehat, ist die einer Art ‚Droge‘: denn damit holt er vergangene Momente und Augenblicke, die längst passé sind, wieder her, wieder zu sich, sodass er die Intimität und die Emotionalität der Beziehung für sich memoriert. Und genau dies tut er, indem er träumt: „ich träume Liebeslieder“ – „und sing dabei von dir“ – und, indem er sich so sehnsüchtig an sie erinnert, als ob das größte Glück der Erde darin bestünde, sie wieder bei sich zu haben! Er verspürt eine solche Sehnsucht zweifellos… beschreibt zunächst, was war, beschreibt dann, was jetzt ist bzw. was eben von dem Gewesenen im Moment nicht mehr ist, und wünscht sich aber diese vergangenen schönen Momente immer wieder für sich herbei. Wünscht sich, er würde noch mit ihr zusammen sein. Will verharren in dieser tiefen Verbindung und Bindung, die es da zwischen ihnen gab.

Und tja, das ist also im wahrsten Sinne des Wortes das ‚Ende vom Lied‘: er nutzt diese Situation, barfuß am Klavier sitzend, um immer weitere Male einzutauchen in die vergangene gemeinsame Beziehungswelt der beiden.

Etwas, was wir heute nur allzu gut kennen, behaupte ich! Nur, dass es nicht jeder barfuß am Klavier sitzend zu memorieren vermag, sondern dass jeder seine eigene individuelle Art des Umgangs, des Erinnerns, des Herholens bestimmter unvergesslicher Situationen, Augenblicken, Menschen und Zeiten hat!

Und genau dazu regt dieses Lied meiner Meinung nach an; eine bleibende Geschichte, in stimmlich markantem Sologesang dargebracht, die jede und jeden in solchen oder ähnlichen Situationen aufzufangen vermag. Und die einen spüren lässt, wie schön es doch sein kann, die zusammen erlebten Momente zu schätzen – umso mehr in einer Zeit, in der es diese nicht mehr gibt. Sich erinnern zu können und diese Erinnerung, auch wenn sie eben nicht mehr ist als Erinnerung, positiv zu betrachten. Glücklich zu sein, diese Erinnerung mit der Person teilen zu dürfen. Ja, das ist wahrlich sehr schätzenswert! Und nicht so leicht wie gesagt. Doch genau dafür ist dieses Lied auch gedacht. Alles in allem ein tolles Lied mit außerordentlichem Tiefgang, dringt man einmal in die Ebene des Zwischen-den-Zeilen-Lesens hervor oder bringt seine eigene Geschichte hier mit ein. Sehr empfehlenswert für alle Klavier-Liebhaber, die es gerne etwas softer, doch nicht kitschig, melancholisch-nachdenklich, doch nicht pauschalisierend mögen! (LG)