Blue Valentine – Portrait einer Liebe

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Wie stellen wir uns Liebesfilme vor? Ein charmanter Er trifft eine hübsche Sie. Entweder beide gefallen sich von Anfang an, aber einer, oder beide, sind in Umständen verwickelt, die eine Liebe unmöglich machen. Vielleicht ist sie verlobt, oder er ist in einer Beziehung mit einer doofen Ziege. Vielleicht aber können Er und Sie sich auch schlichtweg gar nicht ausstehen am Anfang. Es gibt Szenen, wo die besten Freunde genutzt werden, um sich darüber aufzuregen, wie die andere Person einen an die Decke treibt, aber wie wir wissen, ziehen Unterschiede sich ja an. So oder so wird es Missverständnisse geben, welche die blühende Liebe riskieren. Und selbst wenn das Missverständins häufig mit einer einfachen Konversation gelöst werden könnte, scheint es doch wie das Ende der Welt. Zum Glück löst sich aber alles auf, denn Liebe ist genug, um alles zu überwinden. Er und Sie fahren zusammen in den Sonnenuntergang, stehen vor dem Traualtar oder küssen sich im Regen/am Flughafen oder bei jemandes Hochzeit.

Wie realistisch ist das jedoch? Klar wollen wir nicht immer Realismus, wenn wir uns abends auf die Couch setzen, aber manchmal ist Heulen vor Glück nicht immer die beste Katharsis, um Liebe davor zu bewahren, zum oberflächlichen, herzförmigen Schokoladen-Konzept zu verkommen. Manchmal ist Liebe nämlich weder genug, noch richtig, und die Trivialität des Alltages zersetzt schleichend die metaphysische Gestalt am Ende des Sonnenunterganges. Herein kommt das 2010er Liebesdrama Blue Valentine.

Der Film ist das Portrait der Liebe zwischen Dean (Ryan Gosling) und Cindy (Michelle Williams). Dean ist Schulabbrecher und arbeitet in einem Transportunternehmen, während Cindy sich darauf vorbereitet, Medizin zu studieren. Die beiden fangen eine Beziehung an, aber Cindy findet heraus, dass sie schwanger ist von ihrem Ex. Fünf Jahre später sind beide verheiratet und leben im Vorort mit ihrer Tochter Frankie. Vom Liebesglück, als sie sich kennengelernt haben, scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein, und ein Wochenend-Trip weg von zu Hause wird zur Zerreißprobe.

Ryan Gosling und Michelle Williams spielen Dean und Cindy, als ob ihr Leben davon abhängen würde, und dennoch ist Blue Valentine ist ein frustrierender Film. Frustrierend nicht etwa, weil der Film schlecht sei, ganz im Gegenteil, sondern frustrierend, dass er geprägt ist von Unaufhaltsamkeit. So wie die jungen Dean und Cindy unaufhaltsam dafür bestimmt waren, sich zu verlieben, ähnlich den meisten Paaren der Filmgeschichte, so sind die älteren Dean und Cindy machtlos in ihrem Bemühen, ihre Liebe zu bewahren. Wie ein langsames Zugunglück nähert sich das Ende ihrer Ehe. Als Zuschauer kann man nur zusehen und verzweifeln, denn wir sehen die Anfänge ihrer Liebe, ihre Energie zusammen, und die Hoffnung, die man hat, trotz der Umstände des jungen Paares. Für Dean und Cindy ist dies aber Jahre her, die Erinnerung nicht mehr frisch und vernebelt von Alltag und Enttäuschung. Manchmal ist Liebe einfach nicht genug, und wir verletzten die, die es am wenigsten verdient haben.

Derek Cianfrance, der mit The Place Beyond the Pines (2012) einen ebenso emotional herausfordernden Film gedreht hat, schuf mit Blue Valentine einen Film, der einen erinnert, was es heißt, sich zu verlieben, aber auch einen Film, der dessen Grenzen prägt. Die Menschen, die wir lieben, verändern sich oder enttäuschen uns in Wegen, die wir uns nicht vorstellen konnten. Wie das Lied, welches Dean auf der Ukulele spielt: „We always hurt the ones we love“. Wir verletzen immer die Menschen, die wir lieben. Und auch wenn Blue Valentine kein Film ist, um es sich abends gemütlich zu machen, so ist seine Art, sich mit Liebe auf Augenhöhe und frei von Kitsch zu beschäftigen, eine belohnende Erfahrung. (LH)

 

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