Unsere Meinung zu Moonrise Kingdom

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MoonriseKingdom

Es gibt keinen Film von Regisseur Wes Anderson, der nicht auf seine eigene Art und Weise romantisch ist. Oberflächlich betrachtet haben sie die Künstlichkeit von Miniaturen, von Diorama-Welten, gefangen in Naivität und Niedlichkeit. Doch ein Diorama hat die Eigenschaft, die Dinge in sich zu definieren und in Beziehungen miteinander zu verankern. Jeder Anderson-Film hat einen emotionalen Kern, ein Kern, welcher durch die oberflächlich betrachtete Künstlichkeit hervorgehoben wird. Sei es Verlust und Reue in The Royal Tenenbaums (2001), das Sehnen nach Abenteuer und Jugend in Life Aquatic (2004) oder der Traum eines verlorenen Europas und der Universalität von Geschichten in Grand Budapest Hotel (2014).

Die Romantik von vergangen Tagen ist ein Kernthema ein jedem dieser Filme, aber Melancholie und Traurigkeit wechseln sich immer wieder ab mit absurdem Humor, visuellen Gags und den inzwischen schon berühmten Soundtracks seiner Filme. Das vielleicht befriedigendste Werk in Wes Andersons Filmographie ist allerdings die 2012er Liebeskomödie über zwei Kinder, die von zu Hause weglaufen, um zu heiraten: Moonrise Kingdom.

Es ist 1965 auf der fiktionalen Insel New Penzance vor der Küste Neu-Englands. Die 12 Jahre alte Waise und Pfadfinder Sam Shakusky (Jared Gilman) und die ebenfalls 12jährige Suzy Bishop (Kara Hayward), die mit ihren Eltern (Bill Murray und Francis McDormand) und drei Brüdern zusammen lebt,  haben genug. Sie sind verliebt und wollen von zu Hause weglaufen. Und das auch nicht zu früh, denn Sam soll endgültig ins Waisenhaus, während Suzy genervt ist von ihrer Familie, besonders von ihrer Mutter und deren Affäre mit dem Dorfpolizisten (Bruce Willis). Mit dem Ziel, sich versteckt auf der Insel ein neues Zuhause aufzubauen, um ihre Liebe ungestört von der Autorität der Welt zu leben, machen sich die beiden Liebhaber auf und davon. Schon bald wird ihr Verschwinden entdeckt und Suzys Eltern, die Polizei, die lokale Pfadfindertruppe, angeführt vom Truppenleiter Ward (Edward Norton), und das Jugendamt (Tilda Swinton) machen sich an die Verfolgungsjagd. Zwei heiratswilligen Zwölfjährigen auf ihrer Suche einem Stückchen Glück, verfolgt von der geballten Erwachsenenwelt der Insel, und alles, während ein Jahrhundertsturm das Inselidyll bedroht.

Junge Liebe ist ein selten genutztes Thema im Film. Dabei, wie so oft mit Emotionen in der Jugend, ist Liebe in der Kindheit geprägt von einer simplen Direktheit, die später oft verloren geht. Du liebst mich, ich liebe dich. Mehr ist nicht nötig. Das ist genau der Fall bei Sam und Suzy. Beide sind intelligenter und cleverer als ihr Alter vermuten lässt. Beide sind unabhängige Denker voller kreativer Energie. Sie sind starrsinnig, aber bereit, füreinander Zugeständnisse zu machen. Ihre Liebe ist unschuldig, wäre da nicht die Welt um sie herum, die ihnen einreden will, dass sie noch zu jung sind, um zu wissen, was Liebe ist. Während das Liebespaar also versucht, sein eigenes Königreich zu erschaffen, sind die Erwachsenen gelähmt von ihrer eigenen Engstirnigkeit, Zynismus und Neurosen. Es ist kein Wunder. dass sich die Freidenker Suzy und Sam auf ihrer kleinen Insel gefunden haben, und noch weniger überraschend, dass sie im Wirbel ihres Verschwindens noch näher zusammenkommen.

Kein Wes-Anderson-Film gleicht dem anderen. Die Insel Welt von New Penzance ist ein Paradies von 60er-Jahre-Nostalgie. Die Klamotten sind perfekt wie aus einem kandierten Katalog, und die Farben der Landschaft so satt wie ein Sonnenuntergang. Auch wenn der Vergleich mit einem Puppenhaus oder Diorama dem Stil nicht gerecht wird, so ist der farbenfrohe Zuckerguss des Films unbestreitbar. Moonrise Kingdom ist aber untermalt von Melancholie. Einer Melancholie, die sich im Verhalten der Erwachsenen widerspiegelt, im Verhalten der jungen Pfadfinder, die sich anfangs als Mitläufer reinreißen lassen, und in Sams Leben als abgewiesenes Waisenkind. Trotzdem schafft es der Film immer wieder voller Humor, teils trocken, teils absurd, den Ton von einer spielerischen Leichtigkeit fliegen zu lassen. In der Welt von Wes Anderson gibt es keine Traurigkeit ohne Glück und kein Glück ohne Traurigkeit. Das macht Moonrise Kingdom zur gleichen Zeit zu einem witzigen Augenschmaus und zu einer reifen, erwachsenen Liebesgeschichte über zwei Zwölfjährige. Eine Ode an das Kind und den Freigeist in jedem von uns, und ein Aufruf, an dem festzuhalten, was uns einzigartig macht, und noch mehr: die Person festzuhalten, mit der wir zusammen Einzigartig sein können. (LH)

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