Gelassenheit im Beziehungsalltag

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Gelassenheit im Beziehungsalltag_TaschaKlick / pixelio.de
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Vergangene Woche habe ich ein Seminar im Rahmen des Lehramtsstudiums an der Uni besucht, dessen Thema „Gelassenheit als ethische Haltung“ war. Das Seminar ging drei Tage und es hat einfach einen super Einblick gegeben in die Welt des Gelassen-Seins auf allen Ebenen, vom Buddhismus und seiner Gelassenheit über die philosophischen Gedankengänge Meister Eckharts hin zu Lebensratgebern über Gelassenheit und Achtsamkeit heute.

Gelassenheit im Alltag

Vor diesem Hintergrund möchte ich hier ein paar Zeilen über dieses Phänomen verfassen, und zwar speziell im Rahmen einer Paarbeziehung. Gelassenheit – brauchen wir so etwas in unserem Beziehungsalltag? Oder ist diese Art der Ruhe, die wir uns ab und an gerne öfter zusprechen würden, etwa völlig überflüssig, wenn wir von Liebespaaren sprechen, die ihre Leben miteinander teilen?

Mein Plädoyer dazu: Oh ja! Sicher doch brauchen wir so etwas wie Gelassenheit in unseren alltäglichen Beziehungen, vor allem und in erster Linie gerade in unseren Liebesbeziehungen! – warum? Dies will ich in den nächsten Zeilen versuchen zu erklären. Diejenigen von euch, die gerade eine Beziehung durchleben und genauso diejenigen unter euch, die dies zwar im Moment nicht tun, aber schon einmal in einer festen Beziehung gelebt haben, können dies sicherlich – ich hoffe es – sehr gut nachvollziehen:

Zeit zu Zweit?

Es ist Freitagnachmittag, der Freund ruft an und fragt, was ich heute noch so mache oder geplant habe. Ich sage ihm, sorry, ich rufe in etwa einer halben Stunde zurück, bin gerade Kaffee trinken mit der besten Freundin, die ich seit zwei Wochen nicht gesehen habe. Er meint, etwas niedergedrückt, klar, geht in Ordnung. Aus dieser halben ist dann eine Dreiviertelstunde geworden, bis ich mich schließlich wieder bei ihm melde (Das ist natürlich nicht vorsätzlich, sondern quasi von ganz alleine passiert. So wie Frauen sich eben manchmal verquatschen… Ihr wisst, was ich meine!). Der Freund weiß das eben nicht so ganz genau. Denn er sehnt sich nach seiner Arbeitswoche endlich danach, mich zu sehen und hatte meinen Anruf wirklich pünktlich erwartet.

Demnach ist er ein wenig in die Schmoll-Phase verfallen, die ich ihm aber zum Glück gleich wieder austreiben kann. Dann versuche ich ihm – so gelassen wie möglich – zu erklären, wie es dazu kam, dass ich nun ein wenig länger gebraucht habe mit der Freundin. Außerdem schildere ich den Umstand, dass er von dem Treffen im Voraus nichts gewusst hatte. (Eigentlich teilen wir uns unsere Pläne immer gegenseitig mit.) Dann sage ich ihm, was ich heute noch so ganz dringend erledigen muss. Und dann…fragt er mich, wie ich mir das denn überhaupt vorstellen würde?! Mit ihm? Das trifft mich.

Gut, ich durchkreuze mein jetzt schon eh nicht mehr ganz minutiös geplantes Tagesprogramm (müsste eigentlich schon längst auf der Bank gewesen und beim Arzt vorbeigegangen sein) und schlage vor, wir treffen uns spontan JETZT bei mir, um die Sache zu bereden. Schließlich meine ich das mit uns ja schon ernst. Und ich will mir ja auch nicht ständig Sorgen machen müssen um die Tatsache, dass ich meine so kostbare Zeit an tausend andere Dinge und Menschen verschwende.

Er ist da. Und wir reden. Und eigentlich verstehe ich ihn jetzt im Moment ganz gut. Denn plötzlich finde ich mich in seiner Perspektive wieder. Und da erscheint mir das alles auf einmal so logisch. Dass ich ihn gerade wirklich etwas an der langen Leine laufen lasse. Im Wissen, dass ich stets die Oberhand haben kann, wenn es darum geht, Termine oder Zeiten zu vereinbaren, für Treffen u.a. Das sage ich ihm auch. Und da erscheint ein helles Lächeln auf seinem Gesicht.

Und ich verstehe: Ja, darauf habe ich schon länger gewartet. Dass er auch mal wieder richtig fröhlich ist! Zu mir. Dass er seine Lebensfreude mir gegenüber auch mal wieder zeigen würde. Ja, das freut mich indes wirklich.

In dem Versuch, das nicht ganz offensichtlich zu zeigen, wie ich über diese Reaktion von ihm denke (was mir nicht gelang, er merkt immer jedes kleine Detail sehr viel früher als ich! Außerdem fällt ihm sowieso immer alles auf), wage ich zu behaupten, dass ich – mein Kopf sagt: nein, mach das nicht! – mein Programm von heute auch noch etwas verschieben könne. Und da lacht er dann vollends! Und bejaht meinen Vorschlag SOFORT! Gut, aus dem kurzen spontanen Treffen ist dann eben ein kompletter Nachmittag und Abend geworden. An dem ich nichts von alledem, was ich vorhatte, erledigt bekam. Und doch fühlte ich mich in der Nacht so gut. Warum? Weil ich gemerkt habe: ja, das war nötig! Absolut notwendig, dass unsere Beziehung mal wieder frischen Wind erfährt! Oder überhaupt ein wenig Wind…

Die Fühler ausstrecken

Und das, so finde ich, hat doch ganz schön viel mit Gelassenheit zu tun, oder nicht? Sogar in zweierlei Hinsicht, wie ich es zu übertragen versuche: zum einen aus Sicht des Freundes, der – angesichts meiner im Gegensatz zu seinem Leben doch sehr vielen Termine und Aufgaben – immer wieder sehr viel Gelassenheit aufbringen muss, um mich so zu nehmen, wie ich zwischen all der Tätigkeiten eben so drauf bin.

Und zum anderen auch mich betreffend, nämlich in Situationen wie dieser, in der ich merke: „Okay, also entweder ich gebe meinen heutigen Plan vollends auf und starte dafür morgen umso mehr durch, oder mein Freund haut demnächst von mir ab!“ – und genau da muss ich eben meine Fühler so ausstrecken können, dass ich merke, dass ich spüre, wenn es dem Freund so ernst ist, dass wir uns noch am selben Tag zu Gesicht bekommen. Da muss ich alles, was geht, in Gang setzen, um mir klarzumachen: Du musst dir halt Prioritäten im Leben setzen. Und in einer festen Beziehung, in der du nun mal gerade lebst, hast du dich bereits für die oberste entschieden. Und das ist dein Partner.

Ecken und Kanten akzeptieren

Und genau solche Situationen erfordern sehr viel Reife und Gelassenheit. Wer diese nicht aufbringt, riskiert schnell einen Ausbruch. Der dann wer weiß wie endet. Der unter Umständen alles zerstört. Der vielleicht auch mal sein muss. Aber den es nicht jedes Mal geben sollte, wenn das Gegenüber um die eigene Zeit bittet. Wirklich nicht! Auch außerhalb solcher doch recht konkreter Situationen ist Gelassenheit gerade heutzutage in einem Beziehungsalltag sehr stark gefragt. Denn eine zutreffende allgemeine Weisheit ist doch auch: wer den Partner nicht umbiegen will, was sowieso kein Mensch schafft (und auch nicht sollte!), der muss selbst gelassen sein können. Um die Ecken und Kanten des anderen so zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind. Und nicht alles am anderen „verbessern“ zu wollen, nur weil es nicht so ist wie man selbst vielleicht gerade erwartet hätte.

Aber genau das ist Gelassenheit! – die Einsicht aufzubringen, einzusehen, dass der andere so wie er ist einzigartig ist und man das auch so hin- und vor allem annehmen sollte. Das gilt natürlich in beide Richtungen!

Wer dies beherzigt, der kann wortwörtlich „dem anderen sein Herz auch schenken“. Und da diese Vorstellung doch so schön, die Sehnsucht danach so stark ist, so würde es jedem in einer Beziehung steckenden Menschen auf dieser Welt guttun, diese Gelassenheit für sich zu suchen und in Situationen, in denen es wirklich wichtig ist, gefasst zu reagieren, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, Gelassenheit auch auszustrahlen. Sie, wenn man sie gefunden hat, auch zu leben! Das wünsche ich allen da draußen für ihre jetzigen und zukünftigen Paarbeziehungen! Glück auf. (LG)

(c) Detlev Beutler, pixelio.de