Musiktipp: „Wohin du gehst“ – AnnenMayKantereit

0
236
Quelle: Amazon.de
Quelle: Amazon.de

„Wohin du gehst“ – Ein traumhaft berührendes Lied der Band AnnenMayKantereit, dem talentierten Newcomer-Jungs-Trio aus Köln!

Und dabei kommt der Rock-Charakter der Band zwar unvergleichlich zum Ausdruck sowohl in der markanten Sängerstimme von Henning May als auch durch die durchgehend gerade metrisch-rhythmische Form, die das Lied hat. Und doch: Ein Schimmer Irish Folk kann man aus den Klängen heraushören. Wodurch? – Eindeutigstes Merkmal dafür ist der Einsatz der Mundharmonika, was dazu einen etwas retrohaften Stil annehmen lässt. Doch die Band ist nicht Retro, nein, sie ist eine Neu-Mischung aus vielem Verschiedenartigem. Und das macht den so besonderen Charakter der Band sowie gerade dieses Liedes aus.

Die Jungs verstehen es profimäßig, auf Grundlage eines durchgehenden, etwas härteren Beats via E-Bass einen Grund-Rock-Beat zu schaffen, der jedoch mittels Einsatz von einfacher Gitarre, pfiffiger Offbeat-Drums sowie der schon erwähnten Mundharmonika eine Leichtigkeit erhält, die so einzigartig ist, dass man nicht mehr so ganz genau weiß, was man da gerade hört, wenn man Lieder von AnnenMayKantereit hört. Und besonders auch, wenn man den Klängen von „Wohin du gehst“ lauschst. Das Schlagzeug wie die Stimme und die Mundharmonika runden die gesunde Rock-Grundlage auf raffiniert elegante, ein wenig irisch-alternative Weise so graziös ab, dass man sich in einer Art Traumwelt wiederfindet. Diese erscheint jeweils in den Zwischenspielen – an den Stellen, an denen Henning mit seinen Gesangseinlagen pausiert. Diese Überbrückungen von einer zur nächsten Verszeile, inhaltlich wie formal, gelingen der Band auf wundervolle Weise. Und in diesen Bridges ist Zeit da, um das eben Gehörte im Kopf nochmal durchzugeh’n, um darüber ins Reflektieren zu kommen.

Doch nun zum Inhalt des Songs: Das Lied ist im Grunde ein wenig freudvolles, denn die Thematik liegt im Bereich von Entferntheit, Schmerz, kühler Distanz. Dabei wird aus der Ich-Perspektive heraus ein Gegenüber betrachtet. Dieses ‚Ich‘ hatte mit dem Gegenüber in der, man weiß nicht genau wie lange, bereits vergangenen Zeit eine Art Beziehung. Dabei ist bewusst offen gelassen, ob es wirklich eine feste Partnerschaft war, die die beiden verband, oder ob es – dazu tendieren meine Gedankenspiele in ihrer versuchten Plausibilität eher – um ein Gefühl der Anziehung aus der Warte einer der beiden ging. Trotz der Ungewissheit über diese Tatsache ist jedoch glasklar: Die beiden hatten Kontakt, sie waren einander auf gewisse Art bekannt und vertraut, es wurde viel gelacht, sie teilten einige Aktivitäten in ihrem Leben. Es war eine schöne Verbindung, die da wohl bestand zwischen dem ‚Ich‘ und dem ‚Du‘.

Und jetzt? – Henning May singt von einer gewachsenen Distanz, die sich zwischen den beiden in der letzten Zeit aufgetan hat. Und davon, was diese Distanz so mit sich bringt: nämlich, dass das ‚Du‘ im heutigen Augenblick stets darauf verzichtet, dem ‚Ich‘ mitzuteilen, wohin es geht, was es macht. Damit verbunden erwächst dem ‚Ich‘ ein tiefes Gefühl von Gelähmtheit dahingehend, dass im Moment eines Wiedersehens an ein Fragen von Seiten des ‚Ichs‘ nicht zu denken ist: „Wenn wir uns sehen, fällt mir das Fragen schwer“.
Und dem folgen dann auch schon die beiden Textzeilen, die sich zur Verstärkung des darin Ausgedrückten gleich im Anschluss einmal wiederholen:
„Du hast jetzt neue Leute, die dich besser kennen
Die nach’m Feiern bei dir pennen.“

Diese Aussage, die dem hier zitierten zweiten Refrain-Teil entspringt, scheint das ‚Ich‘ ganz besonders zu treffen. Innerlich. Und genau aus diesem Grund singt Henning das wohl auch zwei Mal direkt aufeinanderfolgend, beim zweiten Mal bewusst ausladender in Melodik und Dynamik … Es wird lauter, es wird schmerzlicher, dringlicher, länger …
In diesen Zeilen wird genau das ausgedrückt, was es früher nie gab, was jedoch das ‚Ich‘ neuerdings beobachtet: eine Distanz, die plötzlich da ist. Eine Distanz, die zwischen die beiden gerückt ist. – Eine Distanz, die die beiden auf eine Art voneinander zu trennen scheint. Und das missfällt dem ‚Ich‘ doch sehr.

Denn ersichtlich wird in dem Song ganz klar, dass das ‚Ich‘ noch immer an der Person des beschriebenen ‚Du‘ hängt. Es wahrscheinlich sogar liebt. Es auf jeden Fall liebhat.
In der ersten Strophe wird dann ersichtlich, dass von einem Mädchen mit früher „langem Haar“ die Rede ist, wenn vom ‚Ich‘ gesprochen wird. D.h. die Jungs wählen hier bewusst die Perspektive eines Mädchens aus, aus der der Song dann getextet ist. Weiter spricht das Mädel dann davon, dass die Treffen, die heute noch zustande kommen zwischen ihm und dem Jungen, dem ‚Du‘, nur noch ‚ne Stunde dauern. Dass der Junge schon gegen elf die letzte Runde bestellt, um das Treffen bald abzuschließen, wieder zu beenden.

Und dann folgt auch wieder der Refrain, der dann übrigens genau die Situation des Beendens eines solchen Treffens aufgreift: es geht also darum, dass der Junge, das ‚Du‘, abhaut, das Mädchen verlässt, weiterzieht. Aber all das, ohne ihm davon zu erzählen, was er denn dann macht, wohin er zieht. Diese Ungewissheit wird mit einer Abgeklärtheit dargebracht, die vor allen Dingen in der Art und Weise des Gesangs sich wiederspiegelt. Denn die Verszeilen des Refrains singen die beiden anderen Bandmitglieder außer Henning stets mit, und was heißt schon sie singen? – Ja, das stimmt schon. Doch auf eine ganz spezielle Art, denn es ist fast ein Rufen, fast ein lautes Vor-Sich-Hin-Sagen. Als wäre man eben gerade in der Situation, würde am Tresen hocken, der andere gerade rausgegangen… Und weg ist er. Und man fragt sich, warum. Und man stellt fest, dass das Interesse für einen aus der Warte der anderen Person letztens geschrumpft sein muss. Sonst würde man ja nicht so sitzen gelassen, verlassen werden. Diese Stimmung kommt durch die bewusst rasch abgesprochenen Worte im Refrain gut zum Ausdruck. Es wird nicht geschwelgt, es gibt keine langen Töne, es geht ums Gerade-Herausrufen des Gemeinten, nicht mehr. Diese Knappheit verleiht der ganzen Materie eine gewisse Brisanz. Das gerade noch sagen zu können, bevor man selbst vielleicht die Fassung, das Gesicht verliert …

Doch vor dieser Situation werden wir in dem Lied durch die Jungs ganz gut bewahrt. Denn sie singen, sieht man nur mal ihre Videos an, meist mit einem leichten, auf den Backen liegenden Grinsen, das alledem die Schwere wieder etwas nimmt.
Auch die Verszeile „Du kennst mich nur noch, wie ich früher war“ ist eine Bestätigung dessen, was sich in der Entwicklung zwischen beiden so tut. Nämlich rein gar nichts, im Moment. Sodass sich das ‚Du‘, der Junge, also nicht zu interessieren scheint, wie es dem Mädchen JETZT geht, was es macht, wie es ist und sich vielleicht auch verändert hat seit der Zeit, in der sie sich gut kannten, seit früher.
Für das Mädchen ist und bleibt es festzustellen:
„Zwischen uns wird’s immer anonymer
Und wir reden gar nicht drüber.“

Die Distanz, die sich also hier zeigt, die sich aufgetan hat, wird also in keiner Weise vom ‚Du‘ aufgelockert, irgendwie bearbeitet oder auch nur akzeptiert. Nein, denn es kommt zu keinem Gespräch, in dem diese negative Entwicklung zur Sprache gebracht würde. Keine Unterhaltung führt zu einer ansatzweise sich ergebenden Klärung der Situation für beide. Nein, dazu kommt es einfach überhaupt gar nicht.
Sodann, im weiteren Verlauf des Songs, wird das Bild ein klareres von den Personen, die hier thematisiert werden. Denn wir erfahren:
„Ich hab dir nie verziehen einfach wegzuziehen …“

Hier wird deutlich, dass das ‚Du‘, der Junge, um den es hier geht, also woandershin gezogen ist, weg von dem Mädchen. Diese Zeile legt die Vermutung nahe, dass da schon mal was zwischen den beiden war. Dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach zusammen gewohnt haben. Das ist nun klar. Und dass sich das nun in Luft aufgelöst hat. Der Junge über alle Berge ist. Und weg von ihr, weg von dem Mädel, wohnt.
Und dann wird noch eine Situation geschildert, die für beide eine fragliche ist, im Umgang mit dem jeweils anderen. Und zwar geht es um die Situation, wenn die beiden sich sehen, bei Leuten, die sie beide kennen. Dann ist die Situation eine glimpfliche, weil jeder weiß, wie es um die beiden gerade steht. Und was tun die? Nein, „anstatt wegzurennen schauen wir uns heimlich an
Weil man sich nicht mehr kennenlernen kann
Weil man sich nicht mehr kennenlernen kann.“
Diese Zeilen sprechen doch Bände, oder?! Da steckt so viel Wahrheit drin. Wahrheit, die auch wir, behaupte ich jetzt mal, aus unserem eigenen Leben irgendwo kennen. Die, wenn auch in abgewandelter Form, jeder schon einmal durchlebt hat. Und sich gefragt hat, wie man nun wohl am abgeklärtesten reagiert. Was am glaubwürdigsten vor der Öffentlichkeit sowie dem anderen gegenüber wirkt. Was am besten ist. Für einen selbst … Für alle. Für die Zukunft.

Und dann, am Schluss, nach der zweimaligen Wiederholung des Refrains, folgt die Wende, die als Pointe am Ende des Songs steht: Denn hier verdrehen die Jungs diese Worte vom Anfang einfach … Die Perspektive wird hier gewechselt, der Blickwinkel einfach mal kurz auf den Kopf gestellt; und mit dieser brisant-unerwarteten Wendung verklingt das Lied:
„Wohin ich geh‘ sag ich nicht mehr
Dir fällt bestimmt das Fragen schwer.“

Diese Zeilen sprühen vor Stärke, vor Kraft. Das ‚Ich‘, das Mädchen, weiß mit der Situation klarzukommen, indem es sich sagt, dass es dem anderen vielleicht einfach mal kein Deut anders geht als ihr selber. Dass sich jedoch u.U. keiner traut, was zu sagen. Und sie formuliert die vorher gesagten Zeilen so um, dass nun nicht mehr im Fokus steht, dass ER nicht sagt, wohin er nun zieht, und IHR so das Fragen schwer fällt, wenn sie sich sehen. Sondern sie formuliert es dahingehend um, dass SIE nun diejenige ist, die nicht preisgibt, wohin es sie zieht, die nicht sagt, wohin sie geht … und dass IHM alles Fragen wohl schwerfällt.
Dies zeugt von purer innerer Stärke. Von innerer Größe – statt Zerbrechlichkeit.

Und das ist, was das Lied uns sagen will. Eine gelungene Pointe, wie ich finde. 🙂  So lässt sich dann übrigens auch der Liedtitel auf zweierlei Lesarten verstehen: zum einen aus der Perspektive des Mädchens, zum anderen aber gleichzeitig auch aus dem Blickwinkel des ‚Du‘, des Jungen, der am Ende auch nicht weiß, wohin das Mädchen zieht. Weil sie den Spieß einfach mal kurz umgedreht hat!
Tiefgründigkeit verpackt in leicht-eingängige Rhythmen und schöne Melodien – eine es wirklich in sich habende neue Single der Band AnnenMayKantereit – Einfach reinhör’n! 🙂 (LG)