Ordnung und Chaos – Unstimmigkeiten im Beziehungsleben auf Gefühlsebene lösen

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(c) jean jannon, pixelio.de

Ein häufiges Streitthema in Beziehungen, die sonst eigentlich ganz gut laufen würden, ist wohl das leidige Thema des Hausputzes und der „Heiligen Ordnung“. Kaum jemand hatte noch keine Meinungsverschiedenheit wegen Ordnung und Unordnung. Wenn es bei der Meinungsverschiedenheit bleibt, ist ja noch alles gut, denn das darf und muss man auch mal haben. Allerdings sollte dies im Rahmen bleiben und keinesfalls zum Mega-Gau mit knallenden Türen, respektlosem Anschreien oder sogar eisigem Anschweigen ausarten.

Selten ist man beim Thema Ordnung und Sauberkeit immer einer Meinung. Meist sind es die Frauen, die sich über herumliegende Wäsche oder die mangelnde Beteiligung der Männer am Haushaltsgeschehen ärgern. Doch auch umgekehrt kann es der Fall sein, dass der Mann die Putzqualitäten der Gattin oder Freundin bemängelt. Beides ist ohne Zweifel nicht schön.

Vieles schleicht sich langsam und gemächlich in den Alltag einer Beziehung ein. Zu Beginn einer Partnerschaft passiert es allen guten Vorsätzen zum Trotz sehr oft, dass man(n) bzw. Frau dem Partner einfach aus Wohlwollen hinterher räumt. Das erste Mal alleine in der Wohnung des Partners, weil er/sie z.B. früher zur Arbeit musste – welche Überraschung wäre es wohl, wenn man die Sachen vom Vorabend aufräumt, Wäsche wäscht …

Oder man hat es einfach so von zu Hause gelernt und abgekupfert: Die Frau macht den Haushalt, der Mann geht arbeiten. Ganz selbstverständlich schlüpft da die junge Partnerin in die Rolle der fürsorglichen Mutter. Das geht auch meist eine Weile gut, doch früher oder später wird es dann zu viel: „Immer muss ich dir hinterher räumen, nie machst du was!“ Vor allem, wenn die täglichen Aufräum- und Putzarbeiten vom Partner scheinbar nicht anerkannt und oftmals sogar noch kritisiert werden. Der simple Rat, sowas gar nicht erst entstehen zu lassen und von Anfang an die Aufgaben im Haushalt gerecht zu verteilen, hilft im Nachhinein wenig. Empathie ist hier der Schlüssel zum Glück. Man sollte sich immer die Frage stellen, wie man selbst sich in der Situation des Anderen fühle würde: „Wie würde ich mir wünschen, dass man mit mir umgeht?“

 

Es ist immer unglücklich, den Partner anzusprechen, wenn er beispielsweise gerade gehetzt und abgeschafft von der Arbeit nach Hause kommt.

(c) Bernd Kasper, pixelio.de

Denke einmal daran, wie es Dir geht, wenn Du den ganzen Tag gearbeitet hast. Was wünschst Du Dir danach? Ruhe, Entspannung, einfach daheim sein! Gib Deinem Partner die Möglichkeit anzukommen, sich Luft zu machen oder sich erst einmal zurück ziehen zu können. Sei zuvorkommend. Mach ihm oder ihr vielleicht einen Tee oder Kaffee und setzt euch zusammen.

Es ist nicht immer leicht, den passenden Moment zu finden. Auch sollte man überlegen, ob es um ein bestimmtes Vorkommnis geht, z.B. die verschüttete Milch, welche nicht weggewischt wurde. Dies sollte man natürlich möglichst zeitnah ansprechen. Geht es um die allgemeine Situation, z.B. dass der Partner täglich seine schmutzige Wäsche liegen lässt oder nie seine Abfallpapiere in den Müll wirft, dann ist es ratsam, eine Konfrontation hiermit auch mal zu verschieben. Besonders, wenn man merkt, dass der Partner einen schlechten Tag hatte. Denn somit stehen die Chancen für einen fairen und diplomatischen Schlagabtausch ziemlich schlecht. Ist dann der richtige Moment gefunden, gilt der alte Leitspruch: „Der Ton macht die Musik.“ Achte auf Deinen Tonfall und beginne Dein Anliegen am besten auf der „Ich-Ebene“. Dies könnte so lauten: „Schatz, ich habe mich heute Morgen total geärgert, weil du Milch verschüttet und nicht weggewischt hast!“ Ich bin mir sicher, Dein Partner wird auf diese Formulierung nicht böse reagieren, weil er sich nicht angegriffen fühlen wird. Anders sieht es dabei mit Anschuldigungen aus: „Die ganze Milch war heute früh verschüttet! Warum konntest du sie nicht aufwischen?“ Hier wird sich Dein Gegenüber wahrscheinlich sofort angegriffen fühlen und sich zur Rechtfertigung gezwungen sehen. Sich rechtfertigen zu müssen ist immer eine unangenehme Situation und führt zwar zu einem Schlagabtausch, nicht aber zu einer zufriedenstellenden Lösung.

Hat man, wie im Beispiel vorgeschlagen, seine Feststellung auf der „Ich-Ebene“ geäußert, bietet es sich an, den damit verbundenen Wunsch auf Gefühlsebene weiter zu geben: „Schatz, ich habe mich heute Morgen total geärgert, weil du Milch verschüttet und nicht weggewischt hast.“ „Ich würde mir wünschen, dass du diese nächstes Mal gleich selbst aufwischst.“ Sag, was Dich stört, was Du festgestellt hast. Und was Du Dir wünschst. So wird gar nicht erst Raum für Missverständnisse gegeben. Gerade Männer sind im Gegensatz zu vielen Frauen eher freund von Direktheit und Klarheit. Niemand kann Gedanken lesen oder jeden Wunsch von den Augen ablesen, auch wenn es manchmal so scheint. So ist es nicht. Also ist es wichtig, miteinander zu reden. Zu kommunizieren. Nicht zu Schreien. Natürlich muss auch mal gestritten werden. Gerade in festgetretenen Situationen wird dies nicht ausbleiben. Und ein „guter“ Streit gehört zu jeder Beziehung.

Doch was ist ein „guter“ Streit? Ein solcher Streit bietet jedem Beteiligten genug Möglichkeiten, seine Anliegen zu äußern, sich auch mal anzuschreien, um sich Luft zu machen, und Aggressionen, die sich warum auch immer aufgestaut haben, abzubauen. Aber ein guter Streit lässt keine Beleidigungen zu, keine Respektlosigkeit und schon gar keine Unterdrückung oder gar Handgreiflichkeiten. Geht es um Dauerthemen, welche sich schon seit längerem immer wiederholen, ist es wie gesagt ratsam, sich erstmal zurück zu nehmen und eine geplante Auseinandersetzung zu verschieben. Sollte der Partner gestresst vom Job nach Hause kommen oder gerade andere Probleme haben, welche ihn belasten, warte bitte. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es sicherlich nicht an.

Bei Problemen mit immer wiederkehrenden Ärgernissen wie herumliegende, getragene Socken, oder wenn Du meinst, dass einfach alles an Dir hängen bleibt ist es eine gute Sache, sich im Vorfeld schon Gedanken über passende Lösungsmöglichkeiten zu machen. So kannst Du Deinem Partner gleich einen Vorschlag machen, wie es in Zukunft angenehmer für Dich wäre. Toll auch, wenn Dir ein Argument einfällt, weshalb sich ein Mitwirken des Anderen lohnen würde: „Ich weiß, dass du viel Arbeiten musst, aber dennoch würde ich mir wünschen, dass wir uns wenigstens sonntags die Küchenarbeit teilen. Gemeinsam erledigen wir alles viel schneller und hätten anschließend mehr Zeit für uns. Wir könnten mal wieder einen Film ansehen oder einen gemütlichen Spaziergang machen.“ Es ist natürlich wünschenswert, dass der Partner darauf eingeht. Aber nicht immer wird es gleich so klappen, wie man es sich wünscht. Vielleicht ist gerade an diesem Sonntag ein wichtiges Fußballspiel. Oder es muss etwas für eine Präsentation am Montag vorbereitet werden. Dann gib bitte nicht gleich auf. Gib dem Partner Gelegenheit und eine Zweite Chance. Warte unbedingt ab und sprich es gegebenenfalls in der folgenden Woche noch einmal an. So merkt Dein Partner, dass es Dir wichtig ist und kann sich darauf einstellen, dass es zur Regelmäßigkeit werden wird. Solltest Du sehr frustriert sein, schlag doch einfach vor, gemeinsam Essen zu gehen, statt selbst in der Küche zu stehen. Bei einem entspannten Lunch oder Dinner in neutraler Umgebung ist ein Aufgreifen des Gesprächs ebenfalls denkbar und womöglich erfolgsversprechender als zu Hause.

Es ist wichtig, dass Du den anderen nicht anprangerst. Nicht Beschuldigen mit Worten wie „Nie räumst du auf!“. Dies stachelt zur direkten Gegenwehr an. Natürlich solltest Du aber auch nicht immer selbst zurückstecken müssen. Wenn Du verständnisvoll und kompromissbereit Deinem Partner gegenübertrittst, darfst Du auch dasselbe erwarten. Schau nicht zu oft weg, stecke nicht zu viel ein. Jeder sollte sich wohl fühlen können. Wenn Ihr gemeinsam auf Gefühlsebene miteinander kommuniziert, so habt Ihr die besten Chancen, einen guten Weg für Euch beide zu finden. Vielleicht wirst Du auch weiterhin seine Socken wegräumen, aber er dafür die Fenster putzen? Jeder hat so seine Vorlieben und Stärken, aber auch Schwächen.

Auch wenn Du sagst, keines der angesprochenen Probleme ist Deines, geht es bei Dir vielleicht ja ums Detail. Wenn einer von Euch so ordnungsliebend ist, dass man ihm nichts recht machen kann oder die Bücher und CDs immer der Größe nach geordnet sein müssen, lässt sich bestimmt auch hier oben genannter Weg sehr gut gehen. Manchmal muss man nicht verstehen, was ein Anderer für gut empfindet, aber man sollte es akzeptieren. Gegenseitiger Respekt und Akzeptanz sowie Wertschätzung sind sehr wichtig in einer Beziehung – wenn nicht gar die Grundlage. Die Lösung kann für jedes Paar anders aussehen. Und auch für jede Familie. Es gibt für jedes Problem eine Lösung, da bin ich mir sicher. Man muss nur miteinander reden. Respektvoll und verständnisvoll. Dem Ärger Luft machen, aber keinen Druck ausüben.

Auch mit Deinen Kindern oder Eltern empfiehlt sich diese Art der Kommunikation. Wenn Du Deine Art zu Streiten und Probleme anzusprechen überdenkst, wirst Du in Zukunft viel weniger Unmut in Deiner Beziehungen haben. Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, dem können wir die Bücher von Marshall Rosenberg empfehlen. Zum Beispiel „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“.

Aber natürlich muss man keine Bücher wälzen, um ein einigermaßen entspanntes Liebes- und Familienleben zu führen. Denke einfach immer mal daran, sich in die Lage des Anderen zu versetzen. Meist war man selbst schon in einer ähnlichen Situation. Gib Dein Anliegen ohne Bewertung oder Abwertung an den Anderen weiter. Sucht gemeinsam nach Lösungen und lasst Kompromisse zu!

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren und vor allem ein entspanntes (Liebes-) Leben voller gegenseitiger Wertschätzung! Es gab immer einen Weg, der Euch zueinander geführt hat. Und genauso wird es auch immer wieder neue Wege zum Wiederfinden geben. Auch wenn es manchmal Umwege sein werden! (SB)

(c) Peter Freitag, pixelio.de