Unser Interview mit Annie West

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(c) Fiona Vaughan

Bücher haben Annie West schon ihr ganzes Leben lang begleitet, wenn auch der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, erst viel später entstand. Wie die Autorin ihre persönliche Nische gefunden hat und was einen guten Liebesroman für sie ausmacht, hat sie uns im Interview erzählt. Und wenn Ihr danach noch offene Fragen fragen haben solltet, dann trefft Annie West auf der Love Letter Convenion und fragt sie am besten gleich selbst 😉

Wer ist Annie West und wie sind Sie Schriftstellerin geworden?

Die kurze Antwort auf die Frage, wie ich Schriftstellerin geworden bin, ist, dass ich seit jeher eine Leseratte bin. Ich liebe Bücher und Lesen. Als ich jung war, war es mein Traum, in einer Buchhandlung oder Bibliothek zu arbeiten, da ich von Büchern umgeben sein wollte. Ich habe jedoch nie daran gedacht, selbst Schriftstellerin zu werden. Also ging ich zur Uni (noch mehr Bücher) und erarbeitete mir eine Karriere im öffentlichen Dienst (sehr viel Schreibarbeit).

Als meine Kinder noch klein waren, habe ich gemerkt, was ich wirklich machen wollte: Die Art Bücher zu schreiben, die ich selbst sehr gerne lese. Natürlich dachte ich, dass dies ganz einfach sein würde, dass ich die ganze Zeit über genug Inspiration haben würde, in einem wunderschönen Büro voller Bücher und mit einer herrlichen Aussicht arbeiten würde und dass ich sofort Erfolg hätte.

Als ich mit der Schriftstellerei begann, habe ich gemerkt, dass dies meine Nische war. Ich liebe es, Welten zu erschaffen, von denen ich geträumt habe, auch wenn mir das Schreiben nicht immer leicht fällt. Es gibt nichts Schöneres, als sich eine Geschichte auszudenken und eines Tages von jemandem vom anderen Ende der Welt zu hören, der das Buch gelesen hat und davon begeistert ist!

Was die Frage angeht, wer ich bin: Kommen Sie zur LLC, unterhalten Sie sich mit mir und finden Sie es selbst heraus. Bis dahin kann ich schon mal verraten: Ich bin Australierin, sehr begeisterungsfähig und glaube an die Liebe, die ein ganzes Leben lang hält. Ich verfasse Liebesroman-Reihen für HarperCollins (Cora Verlag) und veröffentliche meine Bücher auch selbst. Ich habe bisher Millionen von Büchern auf der ganzen Welt in rund 25 Sprachen verkauft. Ich mag Sonne, am Meer zu sein, gutes Essen, nette Gesellschaft, Familie, Wandern, Geschichte, Reisen, Bücher, schönes Briefpapier und Tiere.

Mir hat mal jemand einen Heiratsantrag gemacht, der eine Herde Kamele als Brautgeld angeboten hat (das war aber nicht in Australien). Stattdessen habe ich Herrn West geheiratet, der zwar keine Kamele hatte, aber trotzdem mein besonderer Held ist!

Sie verfassen Liebesroman-Reihen. Was ist das Faszinierende an dieser Gattung im Vergleich zu historischen Romanen, die im Mittelalter oder in der Regency-Zeit spielen?

Obwohl ich gerne historische Romane lese, liebe ich es, zeitgenössische Liebesromane zu lesen und selbst zu schreiben. Ich liebe die Intensität einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Es steckt so viel darin. Durch die kürzere Wortanzahl ist wirklich jede Szene und jedes Wort von Bedeutung. Ich mag die Tatsache, dass sich diese Geschichten ganz auf den Helden und die Heldin konzentrieren. Vor allem liebe ich die intensiven Gefühle, die mich beim Lesen oder Verfassen eines wirklich guten Liebesromans überkommen.

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

Ganz viele Dinge! Manchmal ein Ort, besonders, wenn ich dort schon einmal war. Bei all meinen Büchern habe ich ein starkes Gefühl für den Ort. Auch wenn ich keine zusätzlichen Seiten für die Ortsbeschreibung verfasse, ist der Schauplatz in meinem Kopf und hilft mir beim Erschaffen der Geschichte.

Auch die Charaktere selbst können mich inspirieren. Wenn ich eine Szene schreibe und etwas ans Licht kommt, frage ich die Charaktere in der Regel (in meinem Kopf – ich sage es nicht laut): „Was denkst du darüber?“ Das Gute ist, dass, wenn ich im Schreiben versunken bin, sie mir eine Antwort darauf geben. Somit wird das Buch im Grunde genommen von den Charakteren gesteuert.

Eine weitere Sache, die mir enorm hilft, ist die Rückmeldung von meinen Lesern. An manchen Tagen ist das Schriftstellerdasein sehr schwierig. Dann schalte ich den Computer ein und entdecke eine Nachricht von jemandem, dem ein Buch von mir gefallen hat. Und plötzlich fühle ich mich wieder voller Energie und bereit, alles anzupacken!

Wie würden Sie Ihre Bücher beschreiben? Was ist das Besondere daran? Was halten Sie für besonders wichtig?

Gefühle, auf jeden Fall. Jedes Buch ist eine emotionale Reise. Die Leser erleben die Höhen und Tiefen, die Erwartungen und Hoffnungen sowie die Zweifel und Ängste, sich zu verlieben, mit. Es erwarten Sie starke Alpha-Helden, selbstbewusste Heldinnen, die sich nicht leicht einschüchtern lassen und sehr viel Liebesknistern (erotische Spannung).

Eines der Dinge, über die ich am liebsten schreibe, ist der spontane Dialog zwischen zwei Charakteren, die auf der Gegenseite sind (oder dies zumindest meinen). Ich mag es, etwas Drama in meine Geschichten einzubringen. Auch darauf können Sie gespannt sein.

Wie recherchieren Sie?

Es kommt darauf an, was ich recherchiere. Manchmal recherchiere ich über das Internet oder in Büchern oder gehe selbst irgendwo hin. Oftmals geschieht dies auch durch Gespräche mit Menschen, die Erfahrung in einem bestimmten Bereich haben, über den ich recherchiere. Menschen können unglaublich großzügig sein mit ihrer Zeit und erzählen oftmals über ihre persönlichen Erfahrungen.

Wurden Ihre Protagonisten nach dem Vorbild von realen Menschen erschaffen? Können Sie Beispiele dafür geben?

Nein, jeder Protagonist ist ein komplettes Ganzes mit einem eigenen Leben. Hin und wieder wird ein Charakter oder eine Situation vor meinem inneren Auge lebendig, nachdem ich mit jemanden gesprochen habe oder etwas von ihnen in einem anderen Kontext gehört habe, das nichts mit der Schriftstellerei zu tun hat. Beispielsweise hat mich ein TV-Interview mit einem UN-Blauhelm über seine Erfahrungen auf die Idee für meinen Helden in „Protected by the Prince“ gebracht. Seine Erfahrungen anstatt der Mann als Individuum halfen mir bei der Erschaffung meines Helden.

Wie überlegen Sie sich Namen für Ihre Protagonisten? Nehmen Sie sich historische Figuren zum Vorbild? Basiert diese Entscheidung auf persönlichen Vorlieben?

Oh, das ist eine interessante Frage. Das ist bei jedem Buch unterschiedlich. Zum Teil basiert dies auf persönlichen Vorlieben. Dann ist es die Notwendigkeit, sicherzustellen, dass die Namen von fünf Charakteren in einem Buch nicht alle mit dem gleichen Anfangsbuchstaben anfangen (das wäre zu verwirrend). Zudem ist auch die Nationalität des Charakters zu berücksichtigen.

Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob die Leser einen bestimmten Namen aussprechen können. So schrieb ich zum Beispiel über einen Helden namens Rafe. Ich liebe diesen Namen und er passte zu ihm. Streng genommen hätte ich seinen Namen „Ralph“ schreiben können. Ich wusste aber, dass einige Leser denken würden, dass das „l“ in seinem Namen ausgesprochen wird. Das wollte ich aber nicht. Daher nannte ich ihn „Rafe“.

Auf welche (exotischen) Schauplätze oder Geschichten von Ihnen können wir uns freuen?

Mein Herausgeber hat mich darum gebeten, eine weitere Geschichte mit Schauplatz im Mittelmeerraum zu schreiben. Deshalb suche ich momentan nach Inspiration. Falls jemand Vorschläge hat, sagen Sie mir Bescheid! Vor meiner Teilnahme an der LoveLetter Convention bin ich eine Woche auf Korfu. Das könnte mich auf viele Ideen bringen. Im April ist eine Novelle von mir, die in Italien spielt, erschienen und zur Jahreshälfte erscheint eine Geschichte über einen Scheich. Bald möchte ich ein weiteres Buch schreiben, das in Australien spielt. Dies ist zwar kein exotischer Schauplatz für mich, aber für viele meiner Leser.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben als Schriftstellerin aus? Gehen Sie sehr organisiert vor oder wird Ihr Tagesablauf beim Schreiben von Chaos oder Ihren Protagonisten bestimmt?

Es ist ein wenig von beidem. Ja, ich habe zwar schon einen regelmäßigen Tagesablauf, aber das Leben kommt oftmals dazwischen, so dass ich flexibel sein muss. So gibt es Tage mit vielen Unterbrechungen und Verpflichtungen, die mich für mehrere Stunden von der Arbeit abhalten können.

An einem „durchschnittlichen“ Tag stehe ich früh auf und checke in der Regel kurz meine E-Mails und Facebook. Anschließend mache ich einen Spaziergang am See und frühstücke. Ein paar Vormittage pro Woche mache ich mich auf zum Pilates, da ich gelernt habe, dass Bewegung sehr wichtig ist. Denn das Schriftstellerdasein ist mit langem Sitzen verbunden. Den Rest des Vormittags arbeite ich. Dann mache ich ungefähr eine Stunde Pause, um zu Mittag zu essen oder mich um den Haushalt zu kümmern. Danach arbeite ich bis zum Abendessen durch. Abends schreibe ich nicht, erledige aber andere Aufgaben, die mit der Schriftstellerei zu tun haben. Ich versuche, weniger an Wochenenden zu arbeiten, da ich dann Zeit mit der Familie verbringen möchte. Aber nun sitze ich an einem Sonntagnachmittag hier und beantworte Fragen!

Gibt es einen Ort, um Urlaub zu machen, den Sie besonders romantisch finden? Haben Sie einen Geheimtipp, denn Sie mit unseren Lesern teilen möchten?

Es ist unmöglich, sich auf einen Ort festzulegen. Im Ernst, eines meiner Lieblingsdinge ist das Reisen. Zudem bin ich der Meinung, dass fast jeder Ort romantisch sein kann – es kommt ganz auf die Gesellschaft an. Einen Ort, den Herr West und ich bald noch einmal besuchen möchten, ist das Salzburger Land in Österreich. Dort wohnten wir in dem wunderschönen alten Hotel „Post“ mit Blick auf den See und die Berge von unserem Balkon aus und dem sagenhaftesten Essen im Erdgeschoss. Seufz! Wir hoffen, bald noch einmal dort hin zu fahren. Dann gab es ein Schloss am Rhein. Und ein kleines Landhaus in einem englischen Dorf in der Region Cotswold. In Australien fahre ich gerne zu den Blue Mountains westlich von Sydney. Auch im Winter bei Regen und Nebel ist es dort einfach herrlich.

Haben Sie ein Lieblingsbuch? Gab es wichtige Bücher für Sie, die Sie das ganze Leben begleitet haben? Was war Ihr erster Liebesroman?

Wie lustig, dass Sie das fragen. Wir haben gerade unser Haus renoviert. Heute habe ich meine alten Bücher zurück auf die Bücherregale gestellt. Einige meiner Schätze sind sehr zerfledderte, alte Bücher, die ich immer wieder gelesen habe, darunter auch einige aus meiner frühen Kindheit. Ein Bilderbuch mit Märchengeschichten, das ich als Vierjährige geschenkt bekommen habe. Diese Geschichten aus der ganzen Welt hatten einen großen Einfluss auf mich! Kenneth Grahams „Wind in the Willows“, das mir mein Vater immer vorlas. „Winne the Pooh” (das Original von A. A. Milne und nicht die Ausgabe von Disney). Dann sind da noch so viele andere Bücher, die ich in dieser Zeit erworben habe, darunter von Jane Austen, Tolkien, Dickens usw.

Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt, dass ich kein Lieblingsbuch benennen kann. Ich liebe Bücher und eines meiner größten Freuden ist es, eine/n neue/n Autor/in zu entdecken, eventuell ein neues Genre, und in eine wundervolle, neue Welt einzutauchen, die er/sie geschaffen hat. Oder nochmal ein altes Lieblingsbuch zu lesen. Machen Sie das auch? Ich kann mich nicht an den ersten Liebesroman erinnern, den ich gelesen habe. Ich weiß nur, dass es sich wahrscheinlich um einen Liebesroman aus der Reihe von Mills and Boon oder einen Liebesroman von Georgette Heyer, der in der Regency-Zeit spielt, handelt.

Welche Eigenschaften muss ein Liebesroman-Held haben, um Ihr Herz zum Schmelzen zu bringen?

Er muss sich völlig auf die Heldin konzentrieren. Treue und Ehrlichkeit (auch wenn er nicht alles über sich preisgeben möchte). Ein umwerfendes Lächeln kriegt mich immer herum. Dann könnten wir natürlich auch noch auf breite Schultern und so viele andere Dinge zu sprechen kommen …

Sie sind auf der diesjährigen LoveLetter Convention in Berlin dabei. Auf was freuen Sie sich am meisten?

Zweifelsohne mich mit anderen Fans von Liebesromanen auszutauschen. Ich hoffe, einige Leute vom letzten Jahr wiederzusehen, was mich sehr freuen würde, und darüber hinaus neue Bekanntschaften zu machen. Es ist eine lange Reise von Australien und manchmal etwas beängstigend, da ich nicht gut Deutsch spreche. Ich habe aber sehr freundliche Leute kennengelernt, die offen für Gespräche sind. Es ist immer faszinierend, zu erfahren, was andere Leser von einem Buch oder einem Thema halten, und mehr über Deutschland zu lernen– ein Land, das ich sehr gerne besuche.

Welche Fragen möchten Sie Ihren Lesern stellen?

Welche Liebesromane, die Sie in letzter Zeit gelesen haben, haben Ihnen gefallen? Welche Themen mögen Sie? Was möchten Sie gerne mehr oder weniger in den Büchern sehen, die Sie lesen? Sind Handlungsorte sehr ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, ein Buch auszuwählen und zu lesen? Und natürlich: Welche deutsche Spezialität sollte ich während meines Aufenthalts unbedingt probieren?