Unsere Meinung zu: „Helle Tage, helle Nächte“ – Hiltrud Baier

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Helle Tage, helle Nächte“ ist der Debüt-Roman von Hiltrud Baier. Die Autorin ist großer Schweden-Fan und hat bereits ein Buch über das Auswandern in den hohen Norden verfasst. Ihr erster Roman ist kein Liebesroman im herkömmlichen Sinne, die Geschichte trifft aber trotzdem mitten ins Herz. Auf ihre ganz besondere Art und Weise …

Handlung

Frederike, auch genannt Rike, ist bei ihrer Tante Anna in Süddeutschland aufgewachsen, da sowohl ihre Mutter an einem Autounfall sowie ihr Vater durch einen Selbstmord verstorben sind. Rikes eigenes Leben liegt auch gerade in Trümmern, denn sie hat vor kurzem herausgefunden, dass ihr Mann nach zwanzig Ehejahren nicht nur sie liebt.

Als Tante Anna sie plötzlich bittet, einen Brief persönlich nach Lappland an einen ihr fremden Mann zu überbringen, wundert sie sich sehr. Warum kann die Post nicht diesen Brief befördern? Und woher kennt ihre Tante einen Mann in Lappland? Petter Svakko – noch nie hat Rike diesen Namen gehört. Auch Annas Hinweis, dass es sich um etwas Notarielles handelt, erklärt ihr nicht wirklich den Sinn dieses Aufwandes. Aber ihre Tante hat sie noch nie um etwas gebeten. Es musste ihr also sehr wichtig sein. Und erschwerend kommt hinzu, dass Anna erkrankt ist. Krebs. Wie sollte sie ihr da diesen Wunsch abschlagen? Und so macht sie sich auf den Weg, ohne zu ahnen, dass diese Reise ihr Leben verändern wird.

Unterwegs gibt es immer wieder Momente und Situationen, in denen Frederike sich fragt, ob sie irgendwann schon einmal in Schweden gewesen war. Sie versteht teilweise die Sprache und hat das Gefühl, die Landschaft schon einmal gesehen zu haben. Aber das konnte doch nicht sein. Oder doch? Sie erinnert sich an kleine Gegebenheiten, denen sie damals keine Bedeutung schenkte, beispielsweise ein Stein, den sie bei Tante Anna gesehen hatte und den diese einfach nicht hergeben wollte. Genau solche Steine findet sie nun in Schweden. Zufall?

Durch die Hilfe von Mina, einer Nachbarin von Petter, findet sie ihn schließlich in den Bergen. Stutzig wird sie, als er erwähnt, dass Marie (Annas Schwester) ihm schon viel über sie erzählt hat. Marie und nicht Anna? Überraschenderweise befindet sich auch ein Brief von Tante Anna für sie selbst in dem Umschlag. Dieser stellt ihr ganzes Leben, ihre Vergangenheit auf den Kopf und plötzlich versteht Rike, warum Anna sie gebeten hat, Petter aufzusuchen. Sie ist wütend, verletzt, enttäuscht. Und Petter? Er verschwindet ohne Erklärung und lässt sie in der Einsamkeit der Berge zurück.

Frederike ist nun völlig auf sich allein gestellt. Und hier, inmitten der Stille der Natur, erkennt und begreift sie nach und nach, wie klein ihre Probleme doch eigentlich sind… Und auch Anna stellt sich nicht nur mit dem Brief der Vergangenheit.

Mehr möchte ich an dieser Stelle dem Lesevergnügen nicht vorgreifen.

Meine Meinung

(c) Stella Marten

Ich gebe zu, ich war ein wenig skeptisch, als ich den Klappentext las. Doch schnell merkte ich, dass ich das Buch nicht aus den Händen legen konnte. Die kurzen Kapitel, jeweils abwechselnd über Frederike bzw. Anna, verführten mich dazu, immer noch ein weiteres lesen zu wollen. Und so war das Buch tatsächlich an einem Tag durchgelesen.

Die Autorin Hiltrud Baier versteht es wirklich wunderbar, den Leser für Lappland und das Leben der Samen zu begeistern. Die Landschaft wird so bildlich beschrieben, dass man die Berge, Seen, Wasserfälle, die erwachende Natur mit den Bäumen, Blumen, Flechten, Moosen riecht und spürt, die Rentiere vor sich sieht und sich fühlt, als wäre man auch in Lappland. Selbst die Einsamkeit Frederikes und ihre anfängliche Verzweiflung sind spürbar. Großartig geschrieben!

Aber auch die zweite Protagonistin Anna, schleicht sich in das Herz des Lesers. Wie viele Jahre hat sie damit gehadert, Rike und Petter die Wahrheit zu gestehen? Erst ihre Erkrankung und das Nachdenken über ihr Leben und das ihrer Familie mit den vielen Schicksalsschlägen lässt sie diesen Schritt gehen. Bewundernswert!

Es ist kein Liebesroman im herkömmlichen Sinne. Es ist ein ganz leiser, der ohne die üblichen Liebesszenen auskommt. Und doch oder gerade deswegen trifft er einen mitten ins Herz! Dazu tragen auch die sorgsam gewählte Worte und Sätze der Autorin bei, die den Leser dazu bringen, über das eigene Leben nachzudenken. Jeder von uns kennt die Situationen, wenn er mit sich oder anderen hadert, scheinbar unglücklich ist, aufgeben will. Doch was ist letztlich wichtig im Leben? Frederike und Anna haben die Antwort darauf gefunden.

Mein Fazit

Ich jedenfalls freue mich auf mehr von dieser Autorin und vergebe für diesen besonderen Roman eine klare Leseempfehlung mit 5 von 5 Sternen! (SM)

Meine Lieblingssätze

In diesem Buch gibt es unzählige Stellen, die eine Erwähnung wert wären – ernste wie auch lustige.

Diese Worte im Brief von Petter an Anna haben mich sehr berührt und zum Nachdenken über mein eigenes Leben angeregt:

Ich habe das Leben gelebt, das ich leben wollte, und ich bin mit allen Menschen im Reinen, die ich liebe.“

*
Anna merkt plötzlich, dass sie nicht besser als ihre Eltern ist, die sie immer verurteilt hat und fasst einen Entschluss. Auch hier gelingt es der Autorin, dass man sich selbst angesprochen fühlt.

„Ihre Eltern hatten nicht gekämpft, sie hatten aufgegeben, aber sie, sie würde kämpfen. Sie würde nicht aufgeben.“
*
Anna auf dem Friedhof, als sie Maries Urnengrab besucht, die Gedanken in die Vergangenheit fliegen und ihr ein Spatz einen weißen Fleck auf ihren Sandalen hinterlässt:

„Ärgert dich jemand, dann stell dir vor, ein Vogel kackt auf ihn. Und schon ist der Ärger verflogen.“

Das war einer von Maries Sprüchen gewesen, die ihr, genauso wie ihr ansteckendes Lachen, das Leben erleichtert hatten.

Facts

  • Helle Tage, helle Nächte
  • Hiltrud Baier
  • Verlag: Fischer Krüger
  • Auch als eBook und als Hörbuch erhältlich
  • Sprache Deutsch, Gebundene Ausgabe, 351 Seiten
  • Erscheinungsdatum: 25. Juli 2018