Unsere Meinung zu: Winterrosenzeit – Ricarda Martin

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Deutschland, 1965: Die schwäbische Alb ist ein Sinnbild des Konservativismus, über den Krieg und alte Seilschaften soll nicht mehr geredet werden. Die neue Generation wächst heran und soll sich fügen – Mädchen in Kleidern und Röcken zuhause bleiben und fügsam sein, die jungen Männer sollen Betriebe übernehmen, keine Widerworte geben, keine „Negermusik“ hören. Die BRAVO ist verpönt, die Beatles sind Aufwiegler, studieren ist vergeudete Zeit und überhaupt ist alles nur dann gut, wenn es schon früher so war.

Hans-Peter wächst so auf und doch träumt er von mehr: Von einem erfolgreichen Studienabschluss als Anwalt, einem Konzertbesuch bei den Beatles, davon, Jeans im Alltag zu tragen, schulterlange Haare zu haben, ohne dafür vom Stiefvater gemaßregelt zu werden. Denn dass seine Mutter nach Kriegsende ein zweites Mal geheiratet hat und der Bürgermeister eines kleinen schwäbischen Dorfs nicht sein leiblicher Vater ist, weiß er. Und er ist sich sicher, dass sein richtiger Vater im Krieg in Ostpreußen zu Tode kam, wie es seine Mutter immer erzählt hat. Um sich den Traum von den Pilzköpfen live erfüllen zu können, arbeitet er in den Semesterferien in der Baufirma der Eltern seines besten Freundes – sehr zum Argwohn seines Stiefvaters. Denn wenn der in seinen Augen verwöhnte Student schon körperlich arbeitet, dann doch wenigstens in seiner Mühle. Und überhaupt, wozu studiert er denn? Heiraten soll er und zwar die Tochter seines Gemeinderatsfreundes, dem die Brauerei gehört. Dann sind zwei gutbürgerliche Unternehmen zusammengewachsen, die alten Herren haben die Macht im Ort und alles ist so, wie es sein soll.

Doch Hans-Peter trampt nach England, lernt dort die reizende Gynnie kennen, deren Eltern Rosen züchten und zum Landadel gehören und verliebt sich schnell, heftig und bis über beide Ohren. Gynnie wiederum geht es ähnlich, auch wenn sie große Probleme damit hat, dass ihr Auserwählter Deutscher ist und somit des Kriegsfeindes Sohn. Immerhin war ihr eigener Vater im deutschen Widerstand tätig – und Hans-Peters Vater war Soldat auf deutscher Seite.
Können die beiden zusammen kommen – trotz verfeindeter Länder und aufgeheizter öffentlicher Meinung hier wie dort? Und wäre Hans-Peter nicht besser dran mit Susanne, die er seit dem Kindergarten kennt?

Unser Fazit: Diese Jahre nach dem Krieg, als die Prozesse gegen Kriegsverbrecher häufig im Sande verliefen, viele alte Eliten immer noch an alten Plätzen saßen und die Jugend nicht wusste, wogegen sie rebellieren sollte. Dieser Wissensdrang, der häufig mundtot gemacht wurde – das alles kann ich in „Winterrosenzeit“ sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig hat mir die eingebettete Liebesgeschichte sehr gefallen – authentische Charaktere, Spannung, Loyalität und Zerrissenheit haben das Buch geprägt und sehr spannend gemacht. Die Kriegsthematik in einem Roman muss man allerdings mögen – trotzdem vergeben wir für diesen Roman 5 von 5 Sternen und somit eine klare Leseempfehlung! (FK)

Besondere Sätze in „Winterrosenzeit“:

Susannes Vater zu ihr: „Ihr kennt euch in- und auswendig und werdet keine Überraschungen miteinander erleben.“

Susanne: „Vielleicht möchte ich aber noch vom Leben überrascht werden!“

  • Winterrosenzeit
  • Ricarda Martin
  • Knaur Verlag
  • Sprache: Deutsch, Taschenbuch, 480 Seiten
  • Auch als eBook erhältlich
  • Erscheinungsdatum: 01. Dezember 2017