Verhütung im Liebesroman: Beitrag von Violet Truelove

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Verhutung im Liebesroman
Quelle: Violet Truelove

Letʼs talk about Sex: Das leidige Thema Verhütung ist im normalen Leben oft ein Stimmungskiller, wenn es zur Sache geht. Aufklärung ist wichtig, klar, doch können wir uns in einem Buch nicht einfach von der Geschichte mitreißen und uns gehen lassen? Und zwar ohne dass ständig die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder vor einer Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit mitschwingt? Warum Safer Sex im modernen Liebesroman dennoch eine Rolle spielen sollte, erklärt uns Violet Truelove in ihrem neuen Beitrag.

»Kondom!«, wisperte sie.
»Hosentasche!«, soufflierte Strider, ehe er sie erneut küsste. Grob erkundete er ihren Mund und Willow gab ein verlangendes Stöhnen von sich. Nebenbei versuchte sie, das Kondombriefchen aus der Tasche zu bekommen. Schließlich gab sie den Versuch fluchend auf und Strider, den ihre Ungeduld sichtlich amüsierte, legte ihr den Arm um die Taille, beugte sich vor und zog es hervor. Willow grabschte danach und brachte ihn damit zum Lachen. »Geduldig wie immer!«, neckte er sie.Ja, Geduld war nun einmal nicht ihre starke Seite. »Ich habe Nachholbedarf!«, verteidigte sie sich. Seit sie Patric vor einem Dreivierteljahr den Laufpass gegeben hatte, hatte sie wie eine Nonne gelebt. Einzig eine heiße Knutscherei gab es zu verzeichnen. An diesem Abend hätte sicherlich mehr passieren können, allerdings hatte sie dann mitbekommen, dass der Typ in einer festen Beziehung war und sie wollte keinesfalls ›die andere Frau‹ sein.
Willow riss das Kondombriefchen auf und stülpte den Inhalt über Striders erigierten Penis. Sie zog ihren Slip beiseite und platzierte seine Latte an ihrem Eingang. Ein unisones Keuchen entfuhr beiden, als die Spitze in Willows feuchte Hitze tauchte. Sie spreizte ihre Beine weiter, ließ sich auf seinen Steifen herabsinken und Strider bockte ihr sein Becken entgegen. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung steckte er bis zum Anschlag in ihr drin. („LA Millionaires Club – Chandler“)

Sex ist aus dem modernen Liebesroman nicht mehr wegzudenken – schließlich gilt die körperliche Liebe nicht umsonst als die schönste Nebensache der Welt. Wie präsent dieses Thema im Buch sein darf, ist Geschmackssache und darüber lässt sich streiten. Was jedoch nicht zur Debatte stehen sollte, ist der kompliziertere Part dieses Vergnügens: die Verhütung und der ausreichende Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen.
Wie im wirklichen Leben ist Sex an sich in den meisten Fällen eine einfache Sache. Man fühlt sich zueinander hingezogen, hat Lust auf den anderen und lässt seiner Begierde freien Lauf – ganz wie in der Realität, doch anders als im realen Leben, spielt die Verhütung oft eine untergeordnete Rolle. Oft lassen sich die Charaktere treiben, ohne ein Wort über die Möglichkeit einer ungewollten Schwangerschaft oder die Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit zu verlieren.
Dabei stehen dem Autor unzählige Möglichkeiten offen, diese Themen anzusprechen:

„Ich würde so gerne in dir kommen“, verriet er ihr, als sie eine Pause einlegten und auf dem Matratzenlager, das Reagan zu ihrer beider Vergnügen erschaffen hatte, picknickten. Reagan schob sich eine Traube in den Mund, kaute und schien über sein Anliegen nachzudenken. „Ich bin sauber“, versicherte er ihr.
„Ich habe wahnsinnige Angst davor, schwanger zu werden“, erwiderte Reagan. „Ich nehme zwar die Pille, aber … Nun ja, sollte etwas schiefgehen, dann wäre meine Karriere zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hätte, weißt du?“ Sie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „Ich will es auch, aber …“ Sie seufzte leise. „Kein Kondom zu benutzen, wäre leichtsinnig.“ („Miami Millionaires Club – Noah“)

Es ist möglich, das Thema spielerisch anzugehen oder ernst. Denn darüber zu reden, ist nun einmal wichtig. Nun könnte man argumentieren, dass es sich um Fiktion handelt und diese Thematik daher keine Rolle zu spielen braucht. Nun, das sehe ich anders. Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass wir Autorinnen (und auch Autoren) verantwortungsbewusst mit dieser Angelegenheit umgehen sollten und das leidige Thema ‚Safer Sex’ auf den Tisch bringen müssen. Die Statistiken sprechen nämlich bedauerlicherweise eine eindeutige Sprache und zeigen deutlich, dass man über diese Angelegenheit gar nicht oft genug reden kann. „Den insgesamt jährlich etwa 680.000 in Deutschland geborenen Kindern stehen mehr als 100.000 gemeldete Abtreibungen pro Jahr gegenüber. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Experten sogar noch einmal so hoch.“ (Quelle: Focus | Autorin: Annika Mengersen)
Zudem gab es im Jahre 2011 weltweit 2,5 Millionen Neuinfektionen mit HIV. Im selben Jahr starben 1,7 Millionen Menschen an Aids.
Das sind erschreckende Zahlen und es zeigt deutlich, dass es nach wie vor zwingend notwendig ist, Aufklärung zu betreiben und ein Bewusstsein in Bezug auf Verhütung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten zu schaffen. Es ließe sich nun einwenden, dass man als Leser gar keine Lust hat, ständig dieses lästige Thema unter die Nase gerieben zu bekommen und das verstehe ich auch. Schließlich ist die Handhabung mit Kondomen ja bereits im realen Leben oft ein Stimmungskiller – häufig jedoch auch, weil einfach nicht genug Übung vorhanden ist und sich dadurch alles in die Länge zieht. Im Liebesroman muss das allerdings nicht der Fall sein, wie die nachfolgende Szene zeigt:

„Ich liebe es, mit dir zu vögeln!“
Lindsay lachte. „Ich weiß“, seufzte sie erschöpft.
„Ich kann nicht genug von dir bekommen.“ Er glitt aus ihr heraus, und entsorgte das Kondom in einem Taschentuch. (Ausschnitt aus „Ein Surfer zum Verlieben“)

Oft reicht ein dezenter Hinweis, dass er sich – nach getaner Arbeit – des Kondoms entledigt. Es ist also gar nicht zwingend nötig, zu ausschweifenden Erklärungen anzusetzen, schließlich handelt es sich um einen Liebesroman und nicht um einen Ratgeber. Doch nicht nur die oben genannten Zahlen sollten für uns Autoren ein Grund sein, dem ‚Safer Sex’ Beachtung zu schenken. Es gibt noch ein weiteres Argument, das dafürspricht, das Thema zu behandeln. In der heutigen Zeit und in einem Land, in dem bereits in der Grundschule das Thema ‚Sexualkunde’ auf dem Stundenplan steht, kann man keinen ungeschützten Sex haben, ohne Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder einer sexuell übertragbaren Krankheit zu haben – zumindest im Nachhinein. Überhaupt keinen Gedanken daran zu verschwenden – ob zuvor, oder nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist –, wäre sehr unrealistisch und auch nicht nachvollziehbar. Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass man sich mit einer solchen Figur nur schwer identifizieren kann, schließlich schlagen sich die meisten von uns irgendwann einmal in ihrem Leben mit der Verhütungsfrage herum. Der Materie Raum zu geben, macht die Charaktere glaubwürdig und glaubwürdige Figuren zu erschaffen, die der Leser mag und in die er sich hineinversetzen kann, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, denen wir uns als Autor stellen müssen. Mir für meinen Teil fällt es nämlich zugegeben schwer, mich in eine Figur hineinzuversetzen, die gedankenlos und leichtsinnig handelt und ihre Gesundheit und die des Sexualpartners durch einen ungeschützten Akt aufs Spiel setzt. Natürlich kann auch eine ungeplante Schwangerschaft oder die Angst vor einer möglichen Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit Inhalt eines Romans sein, dann jedoch nimmt das Thema zwangsläufig einen größeren Raum ein.

So oder so: Missachtet werden sollte eine wichtige Problematik wie diese meiner Meinung nach auf keinen Fall. Und Spaß haben kann man – ob im realen Leben oder im Liebesroman – dennoch. (Violet Truelove)